Sonntag, 8. März 2026

Erinnerungen eines Funkamateurs 16 - Funken auf Langwelle


Langwellensender 1kW. Wie gut der Wirkungsgrad der geschalteten Endstufe ist, sieht man schon im Unterschied zwischen dem grossen Trafo und dem kleinen Kühlblech der Endstufe (mit Ventilator). Der VFO (rechts) wird mit zwei Reglern analog eingestellt (Grob und Fein). Die genau Frequenzabstimmung erfolgt mit Hilfe des Empfängers.


Die Ausbreitung der Funkwellen im Amateurfunkband bei 136kHz (2200m) unterscheidet sich stark von der Ausbreitung der kurzen oder ultrakurzen Wellen.

Vergleicht man das 2200m-Band mit dem nächstliegenden Amateurfunkband, dem 160m-Band, so gibt es nur eine Gemeinsamkeit: Tagsüber findet keine Reflexion an der Ionosphäre statt und die Ausbreitung erfolgt ausschliesslich über die Bodenwelle. Diese Bodenwelle kriecht über die Erdoberfläche und interagiert mit dieser. Nur nachts kommt die Raumwelle hinzu, wenn die dämpfende D-Schicht ausfällt und die E-Schicht der Ionosphäre die Wellen wie ein Spiegel reflektiert und so noch grössere Funkdistanzen ermöglicht. Dann jedoch interferieren Boden- und Raumwelle und es entsteht Fading (QSB). Auf der Langwelle ist dieses Fading übrigens viel langsamer als wir es auf der kurzen Welle gewohnt sind.

Grundsätzlich gilt: Je länger die Wellen, desto weiter reicht die Bodenwelle. Und da das 160m-Band das längste Kurzwellenband (eigentlich ist es ein Mittelwellenband) ist, reicht die Bodenwelle dort auch am weitesten. Aber bereits nach nur 5km kommen beim 160m-Band zusätzliche 6dB Bodenverlust zum normalen Ausbreitungsverlust durch die „Verdünnung“ der Wellen hinzu. Ist das Terrain gebirgig oder stark bebaut, sind die Bodenverluste noch höher. Schon nach einigen zehn Kilometern werden die Bodenverluste hier im Voralpengebiet bereits so hoch, dass eine Kommunikation mit durchschnittlichen Amateurmitteln tagsüber oft nicht mehr möglich ist.
Ganz anders sieht es im Bereich um 2200m aus. Erst nach 500km kommen 6dB Bodenverlust hinzu. Bei Distanzen von einigen hundert Kilometern fällt also die Bodendämpfung nicht so stark ins Gewicht. Das ist der Grund, wieso auch mit wenigen Milliwatt ERP tagsüber im 136kHz-Band respektable Entfernungen überbrückt werden können.
So sind zum Beispiel bei einer Distanz von 100km die Ausbreitungsverluste der 2200m-Bodenwelle gegenüber der 160m-Welle 58dB geringer, wie Funkamateure ermittelt haben. Das bedeutet, dass man auch mit -40dB weniger ERP als im 160m Band, tagsüber auf 100km Distanz immer noch einen Vorteil von 18dB gegenüber der Langwelle hat.
Die Bodenwelle ist natürlich immer gleich stark, ob Tag oder Nacht. Sie wird auch nicht durch das Funkwetter, bzw. den Zustand der Ionosphäre beeinflusst. Es sind nur die Eigenschaften des Terrains, die die Dämpfung bestimmen. Gebirge ist am schlechtesten, Meerwasser am besten, wie man sich leicht ausdenken kann. Entscheidend ist die Bodenleitfähigkeit. 
Am eindrücklichsten zeigt sich das für den Langwellenfunker nördlich der Alpen. Die Alpen sind für die Bodenwelle wie ein Sperrriegel. Während tagsüber eine Verbindung mit italienischen Stationen kaum möglich sind, gelingen sie nachts problemlos. 

Wie erwähnt kommt nach Sonnenuntergang auf 160m, wie auch auf 2200m, die Raumwelle hinzu. Doch für Distanzen bis etwa 1000km spielt sie im 2200m-Band noch keine entscheidende Rolle. Die Bodenwelle ist stärker. Im Gegenteil: Durch die Raumwelle gelangen mehr atmosphärische Störungen (QRN) aus grosser Distanz zum Empfänger, der Signal/Störabstand verschlechtert sich in der Nacht im 136 kHz Band. Daher gelingen Amateurfunkverbindungen auf 136kHz mit sehr kleinen Leistungen tagsüber besser.
Stärkere Stationen (ab einigen 100mW ERP) profitieren jedoch von der nächtlichen Raumwelle und können nun Verbindungen tätigen, die über die Reichweite der Bodenwelle hinausgehen. Verbindungen bis zu 2000km oder mehr werden möglich.
Doch bei der Ausbreitung über die Raumwelle spielt, im Gegensatz zur Bodenwelle, die Sonnenaktivität eine Rolle. Wie weit, ist heute noch Gegenstand von Forschungen. Besonders nach magnetischen Stürmen (erhöhter Kp Index) scheint die Ausbreitung über die Raumwelle auf Langwelle besser zu sein.
Sicher wird jetzt der eine oder andere fragen: “Wieso kann ich dann auf 2m grössere Strecken überbrücken, als tagsüber im 160m-Band?”
Die ultrakurzen Wellen “kriechen” nicht mehr, wie die langen, dem Boden entlang, sondern breiten sich ähnlich dem Licht aus. Die Dämpfung durch den Boden entfällt. Jenseits der optischen Reichweite tragen Brechung und Reflexion an Bergen zur Ausbreitung hinzu. Die Situation ist also eine ganz andere.

Als das Langwellenband in der Schweiz freigegeben wurde, war ich von Anfang dabei. Ich hatte mich ja genügend lange vorbereitet, Empfänger organisiert, Antennen und Variometer gebaut und natürlich einen Sender gebaut, wie ich ihn in meinem letzten Beitrag beschrieben habe.

Der erste Kontakt mit anderen Stationen fand in Telegrafie (CW) statt und mir gelangen in den ersten Tagen und Wochen eine ganze Reihe Erstverbindungen. Natürlichen zuerst mit den beiden anderen Schweizer Stationen, die sich auf dieses neue Band vorbereitet hatten: HB9DCE und HB9DFQ. Das QSO zwischen Paul HBDCE und mir am 1.2.1998 war die erste Langwellenverbindung auf 2200m in der Schweiz. 
Dann wurde es jedoch etwas zäh. In vielen Ländern Europas war das Langwellenband noch nicht freigegeben. Zwar erfolgten einige Crossband-Verbindungen mit OM, die uns im 80m Band antworteten und wir erhielten auch viele Empfangsrapporte. Doch erst am 22.3.1998 gelang HB9DCE eine Erstverbindung mit Deutschland (DA0LF). 
Dann am 5. Juli gelang mir eine Erstverbindung mit LX1PD, und am 5. August konnte ich endlich England erreichen und mit G3LDO ein erstes QSO Schweiz-England tätigen. 
G3LDO Peter Dodd, war nicht nur ein englischer Langwellenpionier, sondern auch ein bekannter Autor und Experte für Antennentechnik der Radio Society of Great Britain (RSGB). Er ist besonders bekannt für das Buch „Backyard Antennas“ und seine Beiträge zur RadCom-Zeitschrift. Seine Arbeiten konzentrierten sich nebst der Erschliessung der Langwelle auch auf den praktischen Bau von HF-, VHF- und UHF-Antennen.
Wie erwähnt durften die Funkamateure in UK auch auf dem Langwellenband bei 72 kHz (4400m) senden. Das war zwar eine rein englische Angelegenheit und diese Band stand uns in der Schweiz nicht zum Senden zur Verfügung. Aber hören konnten wir dort sehr wohl, und so versuchten Peter und ich ein Crossband QSO zu machen. Er sendete auf 72 kHz und ich auf 136 kHz. Nach etlichen Versuchen und Dank einer speziellen Telegrafie-Betriebsart (QRSS) kam diese Versbindung am 9. März 1999 endlich zustande. Sie ist meines Wissens die einzige Crossband-Verbindung 136/72 kHz zwischen England und der Schweiz, die je stattgefunden hat.

Die Betriebsart QRSS ist nichts anderes als ein extrem langsames Morsen, bei dem ein Punkt zum Beispiel 3 Sekunden dauert und ein Strich 10 Sekunden. Wenn das Signal stark ist, kann man es zwar hören aber trotzdem kaum mehr per Gehör decodieren. Man hört es zwar, aber das Gehirn gerät bald einmal ausser "Kontrolle". Daher erfolgt die Dekodierung der Signale per Auge auf einer Wasserfallanzeige des NF-Signals. Mit der Verlangsamung des Signals gewinnt man Signal-Rauschabstand. Somit können Signale noch gelesen werden, die vom Gehör nicht mehr wahrzunehmen sind (ähnlich dem heutige WSPR, das man damals noch nicht kannte).

Weitere Erstverbindungen konnte ich in den Jahren 1998 und 1999 noch in CW tätigen: IK1ODO, ON4ZK, GW4ALG und am 29.8.1998 mit OH1TN mein für lange Zeit grösstes DX (1932km). Ich wusste damals nicht, dass ich erst mehr als zehn Jahre später diesen Rekord schlagen würde. Allerdings nicht mit einer fremden "ausgeliehenen" Antenne. Doch davon mehr in meinem nächsten Blogeintrag.

Vorerst kamen noch Erstverbindungen mit GW3YXM/p, OZ1KMR, OK1FIG, OE5PGL, PA2NJN, SM6PXJ, EI0CF, GI3PDN, OM2TW, S57A, HB0/DL1SAN, und schliesslich mit F6BWO am 5.11.2000, als Frankreich endlich das Band für seine OM öffnete. Die meisten dieser Erstverbindung kamen in konventionellem CW zustande. Nur bei dreien wurde QRSS benutzt. 

Das Signal/Rauschverhältnis war im Langwellenband gewöhnlich sehr gering und die Signale im Rauschen kaum zu hören. Daher mussten die Informationen oft wiederholt werden, bis eine Verbindung klappte. Daher dauerten die QSO zum Teil sehr lange. Manchmal musste man auch einfach auf eine positive "QSB-Welle" warten, bis das Signal wieder hörbar wurde. Um die Hörbarkeit in CW zu verbessern hatte ich meinem Harris RF590 ein DSP-Audiofilter nachgeschaltet. 
In der Betriebsart QRSS dauerte ein QSO gut eine halbe Stunde, obwohl für diese Betriebsrat spezielle Abkürzungen ausgemacht wurden und nur ein Minimum übermittelt wurde (Rufzeichen, Rapport, Bestätigung, 73)

Gegen Ende meiner Aktivität auf dem 2200m Band im Jahr 2013, gelang mir noch eine letzte Erstverbindung Schweiz-Griechenland mit SV8CS auf der Insel Zakynthos.

In meinem nächsten Erinnerungs-Blog geht es um mein grösstes Amateurfunk-Abenteuer, das ich in meinem Leben erleben durfte: Langwellenfunk mit der Sendeantenne des stillgelegten Rundfunksenders Sottens. 





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