Sonntag, 8. Februar 2026

Erinnerungen eines Funkamateurs 12 - Der Sturm auf das Zeughaus


Meine Station um 1999: von links Harris RF-590, Icom IC-765, SE-222, Drake 4B Line. Hinter dem Icom ist das Netzteil des SE-222 zu sehen.
 
Neue Geräte, neue Betriebsarten und neue Bänder sind für den Funkamateur das Gewürz im Gericht des Äthers. Oft hängen alle drei Themen zusammen. Das war auch bei mir der Fall. Neue Bänder, die ich noch nie erforscht hatte, zogen mich magnetisch an. Na ja, eher elektromagnetisch an. In den Jahrzehnten meines Amateurfunklebens sind eine ganze Reihe neuer Frequenzen hinzugekommen. Zuerst mal die so genannten WARC-Bänder, die uns 1979 anlässlich einer Wellenkonferenz zugesprochen wurden: 30m, 17m und das 12m Band. Dann die Erweiterung des 40m Bandes von 7100 auf 7200 kHz, die an der Wellenkonferenz 2003 beschlossen wurde.  Viele Funkamateure stürzten sich auf die neuen Bänder, einige hingegen nahmen sie mit einem Achselzucken zur Kenntnis. "Diese neuen Bänder sind mir zu klein", sagte mir mal ein Funker auf dem Band. "Ich brauche die Neuen nicht, nirgends kann ich besser DX machen als auf dem 20m Band", hörte ich von einem anderen. Aber die meisten Transceiver waren nicht für die zusätzlichen Bänder ausgerüstet und nicht jeder konnte sich einen neuen Transceiver leisten. Auch war es so, dass nicht alle Fernmeldeverwaltungen die neuen Bänder sofort freigaben wie bei uns in der Schweiz.
Unser letztes neues Kurzwellenband, das 60m Band, ist das kleinste. Nur 15 kHz breit, zwischen 5351,5 und 5366,5 kHz. Zu den Veränderungen im Kurzwellenbereich gehören auch die verschiedenen Änderungen im 160m Band dazu, die ich bereits erwähnt habe. Heute können wir hierzulande das ganze 160m Band von 1810 bis 2000 kHz mit maximal 1kW Sendeleistung nutzen. Mit Rücksicht auf die wenigen verbleibenden Schiffsfunkdienste in diesem Band, versteht sich.

Über DX auf dem 160m Band habe ich schon geschrieben. Doch 160m war nicht nur eine Herausforderung für Funkamateure für den DX-Betrieb. Das Band hatte auch eine andere, mehr praktische Seite. Besonders in Zeiten tiefer Sonnenaktivität, wenn das 80m Band für den Regionalverkehr über einige 100km ausfiel, war das 160m Band die einige Möglichkeit, auf Kurzwelle seine Freunde in Entfernungen jenseits der Bodenwelle zu erreichen. 
So wurde z.B. hierzulande im Jahre 1991 eine Funkrunde gegründet, die sich regelmässig auf dem 160m traf. Abends nach Sonnenuntergang, den tagsüber ist die Dämpfung der D-Schicht zu gross für eine Verbindung über die Ionosphäre. Als Treffpunkt für diese 1991er Runde wurde der Einfachheit halber die Frequenz 1991 kHz gewählt.
Auch in anderen Ländern wurde das 160m Band für Regionalrunden benutzt um dem Gedränge auf dem 80m Band zu entkommen. In Holland oder England um nur zwei Beispiel zu nennen.

1995 traf dann ein Ereignis ein, das für viele 160m Enthusiasten in der Schweiz unvergesslich bleiben wird. Tief in den Alpen, im Dorf Meiringen fand ein Liquidationsverkauf von altem Militärmaterial statt. Das Ereignis war bei den Funkamateuren angekündigt worden und so fand sich eine grosse Menschenmenge vor dem Tor des Militärareals in Meiringen ein, lange vor der Öffnungszeit. Ich weiss nicht, ob damals einige dort übernachtet haben, wie das zum Beispiel bei den Fans von neuen Smartphones bei der Einführung eines neuen Models der Fall ist. Doch als ich eine halbe Stunde vor der Öffnungszeit eintraf, drückten bereits unzählige Menschen ihre Nasen gegen den Metallgitterzaun. Nicht nur Männer, ganze Familien waren hier. Dass Funkamateure Frau und Kinder zu der Veranstaltung mitgenommen hatten, hatte seinen strategischen Grund, wie wir sehen werden.

Da nicht nur bei den Schweizer Bahnen auf Pünktlichkeit Wert gelegt wird, sondern auch beim Militär, kamen zwei Männer des Zeughauses exakt zur angekündigten Zeit, um das breite, zweiflügelige Tor aufzuschliessen. Sie hatten ihre liebe Schwierigkeit, denn die Menge war gespannt wie eine Feder und drückte gegen den Einlass. Ich sehe noch heute in meinen Gedanken, wie einer der Zeughäusler (nicht zu verwechseln mit Zuchthäusler) mit den Armen ruderte, als wolle erfliegen und dann rückwärts in die Blumenrabatten stürzte, als das die Menge das Tor aufstiess. Dann gab es eine oder zwei Sekunden der Besinnung im Publikum. Die Menschen begaben sich raschen aber gemessenen Schrittes auf das grossflächige Areal des Zeughauses in Meiringen. Jemand half dem Mann aus den Rabatten. 
Doch dann begannen die ersten zu rennen, als hätte jemand einen Startschuss abgefeuert. Sekunden später rannte die ganze Meute, gestandene Männer, Familien mit Kind und Kegel über den weitläufigen Platz. Männer riefen Kommandos an die Frauen und Kinder. Und schon bald wurde klar, dass diesen eine besondere Aufgabe zukam. Die Familienmitglieder sollten die Beute sichern, welche der Mann jagte. 
Das war auch bittere Notwendigkeit, denn die Beute verteilte sich auf das ganze Areal und versteckte sich zum Teil in den angrenzenden Gebäuden. Funkmaterial militärisch arrangiert in thematischen Haufen, zum Teil auf Paletten oder in grossen Kisten waren zu erspähen. Man wusste nicht, wohin man das Auge richten sollte. Die Menschen rannten kreuz und quer. Es war wie am Black Friday, obwohl man dazumal diesen amerikanischen Brauch in der Schweiz noch nicht kannte. 
Auch für mich war es sehr verwirrend und ich wusste nicht, wohin ich zuerst rennen sollte. So viel wunderbares Funkmaterial, das war wie Weihnachten und Ostern zur gleichen Zeit. Ein Flohmarkt der Extraklasse. Im Gegensatz zu den Amateurfunkflohmärkten, wo zum Teil ungereinigtes, versifftes und nikotingelbes Material zweifelhaften Zustandes überteuert angeboten wird, war alles sauber geputzt und bestens unterhalten. Die Geräte waren einsatzbereit. 
   
Frauen und Kinder hatten bereits erste Lagerstätten eingerichtet und sassen auf Kisten und Paletten. Man hörte erste Diskussionen über die Besitzverhältnisse der Beute. So wie bei Jägern, die darüber diskutieren, wer den Bock geschossen hatte.
In diesem Augenblick erinnerte ich mich wieder an den Grund meines Hierseins und mein Verstand verdrängte das Staunen über die ungewohnte Szene. Ich war hierhergekommen um mir eine der legendären Funkstationen mit der Bezeichnung SE-222 unter den Nagel zu reissen.

Daher unterbreche ich kurz die Berichterstattung über dieses Tohuwabohu und wird fragen uns:

Der Sende-Empfänger (Transceiver) SE222 wurde in den 50er Jahren von der Schweizer Firma Zellweger in Uster in eigener Regie entwickelt. Die Station ermöglichte Funkverbindungen im Band 1,7 bis 3 MHz in CW, SSB (LSB) und Fernschreiben (F1B). Sie war mit einem VFO kontinuierlich abstimmbar und ihre mechanische Anzeige erlaubte eine Ablesegenauigkeit von 500Hz. Der Sender hatte eine Leistung von 200 Watt PEP  und war bis auf einige Halbleiterdioden mit Röhren aufgebaut. Interessanterweise fanden nur drei Typen Elektronenröhren Verwendung: Eine Doppeltriode (12AU7), eine Pentode (5654) und eine Endpentode vom Typ 6146. In der Endstufe wurden dabei paarweise 4 Stück dieser 6146 in Pushpull geschaltet. Die Antennenabstimmung, in Form eines eingebauten manuellen Tuners, ermöglichte einen breiten Anpassungsbereich. Der Empfänger arbeitete mit einem mechanischen Collinsfilter von 250kHz und war ein Einfachsuper.

So, und jetzt stürzen wir und wieder in die Schlacht:
Nicht jeder Besucher dieses Liquidationsverkaufs hatte es auf eine SE222 abgesehen. Es gab auch Unmengen von anderem elektrischen Material, und nicht jeder, der Jäger war auch Funkamateur. So gab es genügend SE-222 Stationen und ich konnte mir zwei Stück sichern. Insgesamt wurden von diesem Gerät, das nun vier Jahrzehnte lang seinen Dienst getan hatte, insgesamt 526 Stück gefertigt.
 
Das Problem, mit dem ich nun Bekanntschaft schloss, war das Gewicht und die Masse dieses militärischen Transceivers. Vier Kisten mit je 26 Kilo Gewicht mussten abtransportiert werden. Transceiver und Netzteil in separaten Kisten. Glücklicherweise hatte ich meinen Nachbarn, ein Profimilitär, mitgenommen und zur Sicherung der Beute drei Kinder. Alleine wäre ich wohl verloren gewesen. Denn mit den Stationen war es nicht gemacht. Zu den Stationen gab es natürlich jede Menge Zubehör. Doch was mir ebenso wichtig erschien: Ersatzröhren, Ersatzkomponenten und vor allem Hand- und Servicebücher mit Schemata. So füllte ich denn meinen Kombi mit den zwei Stationen und einigem Zubehör, packte noch zwei Empfänger und ein paar Feldtelefone für die Kinder obendrauf und bereute, keinen Lieferwagen gemietet zu haben. Dann machten wir uns mit dem Kombi, der tief in den Federn hockte, auf den Rückweg.  

Lange Jahre habe ich mit einer SE-222 gefunkt und an der 1991er Runde teilgenommen. Die Station hat sich bestens bewährt und die Ersatzteile wurden nie benötigt. Doch schienen mir einige Modifikationen für einen angenehmen Amateurfunkbetrieb notwendig. Viele OM, die diese Station damals oder später erworben hatten, haben ihr SE-222 ebenfalls modifiziert. Einige wurden nicht nur für das 160m Band benutzt, sondern auch ins 80m Band erweitert. 
Am dringendsten erschien mir der Ersatz des lärmigen Lüfters durch einen leise laufenden Papst-Ventilator, sowie die Montage einer So-239 als Antennenbuchse. Dann kam ein RIT-Regler dazu und ein Schalter um von LSB auf USB umzuschalten um den Schiffsfunkstationen zuzuhören.

Als Antenne habe ich damit immer eine Inverted L benutzt. Beim Militär gab es für die Se-222 ein ganzes Sortiment unterschiedlicher Antennen. Doch dafür hätte ich eben einen Lieferwagen benötigt. Für Bodenwellenbetrieb wurden meist kurze Vertikalantennen eingesetzt, für NVIS Dipolantennen. 
Als Mikrofon benutze ich, wie andere Funkkollegen auch, eine Mikrofonkapsel aus einem alten Telefonhörer. Bei Bedarf konnte ich den Empfänger nicht nur über den eingebauten Lautsprecher im Netzteil, sondern auch über die Hörmuschel des Telefonhörers hören.

Ein interessantes Element des Transceivers war die analoge Uhr auf der Frontplatte, die selbstverständlich regelmässig aufgezogen werden musste. Bei vielen SE-222 auf dem heutigen Occasionsmarkt fehlt diese. Entweder ist die schöne Schweizeruhr in die Sammlung eines Uhrensammlers gewandert oder aus gesundheitlichen Bedenken abmontiert worden. Ihre Leuchtzeiger waren nämlich radioaktiv und mein Geigerzähler knatterte wie verrückt, wenn ich mit ihm in die Nähe kam. Doch da ich in meinem Leben schon einige Strahlung abbekommen hatte, wie die meisten meines Jahrganges (Atomversuche usw.) stufte ich das Risiko als vernachlässigbar ein und erfreute mich an der tollen Stationsuhr.


                    
 







1 Kommentar:

  1. Wenn Leistung in Kilogramm gekauft wird!
    Ja, diese Militärgeräte haben ihren Charm, vor allem, wenn es an die Haltbarkeit geht oder wirklich etwas robustes für die Gartenhütte benötigt wird. Doch die Bedienerfreundlichkeit hat hier irgendwie seine Grenzen. Ich durfte mal an zwei alten Geräten über die Bänder "drehen", eher schalten, weil die Frequenz über Kippschalter weitergetastet wurde. Das macht nicht lange Freude. Daher ist mein Wusch nach so einem Röhrengrab schnell wieder verflogen. Und heute weiß ich, dass diese Geräte wahre Stromfresser sind.
    Aus diesem Grund dürfen gerne Museen und Sammler diese Geräte nutzen, ich bleibe da doch lieber bei amateurtauglicherem Equipment.
    Gruß Stefan, DL8SFZ

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