Dienstag, 21. Juli 2026

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer


 

Bild: Soldatenhaus am Fusse der Gastlosen

"Die Stadt und ihre ungewisse Mauer" heisst ein Roman von Haruki Murakami. Vor einer Woche hat mich das Schicksal in eine solche Stadt geführt. Nicht aus Neugier und auch nicht ganz freiwillig. Eigentlich hatte ich keine andere Wahl. Es war genau sieben Uhr in der Früh und ich trank gerade meinen Morgenkaffee. Incarom wie üblich. Er ist nicht so stark wie normaler Kaffee und ich vertrage ihn gut. Gegessen hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts, aber ich freute mich bereits auf das frische Brot, die Salzbutter und die Konfitüre aus Bitterorangen. Ich denke, man nennt sie in Deutschland auch Pomeranzen.   

Doch in den Genuss der Pomeranzenmarmelade sollte ich nicht mehr kommen. Das Universum hatte für mich eine andere Realität vorgesehen. Nämlich eine Reise in die Stadt mit einer ungewissen Mauer. Diese seltsame Stadt ist eigentlich eine Stadt in einer Stadt. Neben vielen Besuchern, arbeiten dort mehr als zehntausend Menschen in allen möglichen Berufen. Sie nennen diese Stadt in der Stadt übrigens "die Insel". Apropos Besucher: es gibt zwei Sorten: die Freiwilligen und die Unfreiwilligen. Wie schon angetönt, gehörte ich zu letzteren. 

Eine eigentliche Mauer, wie man sie normalerweise kennt, hat diese Stadt nicht. So eine wie damals in Berlin, aus Steinen und vielleicht sogar mit Stacheldraht bewehrt, gibt es nicht. Trotzdem ist sie irgendwie da. Denn so leicht gelangt man nicht in diese Stadt, weder hinein noch hinaus. Das zeigt sich schon daran, dass die unfreiwilligen Besucher registriert und markiert werden, dass ein eigener Sicherheitsdienst für Ordnung sorgt und man nicht überall freien Zugang hat. 

Dafür gibt es einen eigenen Taxi-Dienst. Gefahren wird man aber nicht in Automobilen oder in einer Kutsche, sondern in Betten mit Rädern. Das ist sehr bequem und fühlt sich an wie im Traum. Und man gelangt dabei, ohne suchen zu müssen, immer an den richtigen Ort. An einem dieser Orte wurde ich in ein riesiges und lärmiges Ungetüm gesteckt. Man setzte mir Kopfhörer auf und fragte mich, was ich denn gerne hören möchte. "Natürlich Highway to Hell von AC/DC", antwortete ich. An einem anderen Ort, wo ich mit dem Bettentaxi hinkam, wurden mir Bilder von Tieren gezeigt, deren Namen ich nennen sollte. Zudem klopfte mir eine Assistentin mit einem Hämmerchen auf die Gelenke. Bei dieser Gelegenheit kam mir unvermittelt der amerikanische Präsident in den Sinn. 

Trotz allem ist diese Stadt mit ihrer ungewissen Mauer kein Gefängnis. Sie kennt keine Gefangenen und keine Wärter. Aber nicht jedermann darf die Stadt einfach nach Gutdünken verlassen. Das könnte Konsequenzen haben. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Film "The Bucket List" mit Morgen Freeman und Jack Nicholson. Auch der kam mir während meines Aufenthalts in den Sinn und beflügelte meine Fantasie.

Was ich noch erwähnen muss: die Menschen waren freundlich und hilfsbereit und nicht wenige sprachen das, was wir hierzulande Hochdeutsch nennen. Das Essen war wie im Ferienhotel. Nur an Schlaf war nicht zu denken. An die Geräusche der interessanten elektronischen Gerätschaften ist man als Funkamateur ja gewohnt. Aber dass man alle zwei Stunden geweckt und gefragt wird, wie man heisse, wo man sei und welchen Tag wir hätten, fand ich doch seltsam.

In dieser Stadt bin ich also gelandet, bevor ich die Pomeranzenmarmelade geniessen konnte. Und so bin ich auch in einer anderen Realität gelandet. Eine, der ich mich auch im Alpental nicht mehr entziehen kann. Eine, die mein Leben verändert. Wieweit, versuche ich gerade herauszufinden, nachdem ich aus der Stadt nach Hause zurückgekehrt bin.

Werde ich noch in den Bergen rund um das Tal wandern können? Werde ich noch durch den Aether geistern und den Lötkolben schwingen können? Werde ich mich weiterhin als Bücherwurm durch unzählige Bände wälzen können?

Vielleicht steckt die Antwort auf diese Fragen zum Teil in dem "Geschenk", das ich aus der seltsamen Stadt mitgebracht habe. Einem kleinen Kästchen mit diversen Kabeln und Elektroden. Ich glaube es verträgt die Hochfrequenz nicht so gut. Um es nicht zu stören, verzichte ich zurzeit auf das Funken. Aber das Kästchen wird nicht immer bei mir bleiben. Was aber wohl bleiben wird, ist mein linkes Auge, das beim Kaffeetrinken um sieben Uhr seinen Dienst versagt hat. Schwarz wie der Kaffee ist seither das Bild im linken "Bildschirm". Hoffentlich bleibt mir das andere noch erhalten und meine Gedanken versinken nicht in Dunkelheit   

Sonntag, 19. Juli 2026

 


Funken aus einem Alpental stösst auf mancherlei Hindernisse. Die ersten und offensichtlichsten sind natürlich die Berge rundum. Um mit der Kurzwelle über die Berge zu kommen, muss die Antenne mit einem steileren Winkel abstrahlen, als im flachen Land. Das begrenzt die Sprungdistanz. Also die Distanz, die man mit einer einzigen Reflektion an der Ionosphäre überbrücken kann. So braucht der Funkstrahl mitunter vier oder mehr Sprünge anstatt drei, um das begehrte DX zu erreichen. Ganz krass ist bei mir die Situation Richtung Nordwesten, also Richtung USA. Da steht der Vanil des Cours mit seinen 1562m fast direkt vor meiner Antenne, die sich auf 900m Höhe befindet. Am besten geht es talabwärts. Dort tut sich eine Lücke Richtung Südamerika auf. Nur der weiter entfernte Moléson steht dort dem Signal im Weg. So sind denn bei mir die Signale aus Nordamerika sehr dünn und oft kaum zu hören, während z.B. die Kanaren und Brasilien recht gut reinkommen.

Europa geht natürlich immer und NVIS in die nähere Umgebung sowieso. Natürlich nur auf den längeren Wellen von 30 bis 160m. Dank meiner Magnetloop Antenne sind auf diesen Bändern die lokalen Störungen ziemlich tief. Manchmal bewegt sich das S-Meter kaum vom Fleck, wenn kein Signal rein kommt, um dann auf S9 hochzuschnellen, wenn eine Station auf der QRG zurückkommt. Leider ist das bei meinen Gegenstationen nicht immer so gut. Vor allem wenn diese vertikale Antennen verwenden. Diese strahlen kaum senkrecht nach oben und bringen zudem viele lokale Störungen rein. Das Resultat: bei NVIS über kurze Distanzen (100-200km) sind die Signale mager und die Gegenstationen hören wegen QRM schlecht. Oft wird über Störpegel von S9 und mehr geklagt. Da macht Funken keinen Spass. 

Bei solchen NVIS-Verbindungen kann es einen grossen Unterschied ausmachen, über welche Ionosphärenschicht man miteinander funkt. Ist es die F-Schicht in ca 300km oder die E-Schicht in ca. 80km Höhe. Ein Funkkollege wohnt z.B. 60km weit weg auf der anderen Seite der Voralpen und besitzt eine flach strahlende Antenne. Ist die F-Schicht im Spiel ist sein Signal schwach, oft kaum hörbar, funken wir aber über die E-Schicht, zeigt das S-Meter S9. Der Grund liegt natürlich im kleineren Abstrahlwinkel, der für die E-Schicht benötigt wird. Aber man kann sich leider die Ionosphärenschichten nicht auslesen. Man muss nehmen was man kriegt. Ein Blick auf das nächste Ionogramm bringt dann Klarheit.

Mit der Bodenwelle aus meinem Talkessel zu kommen, ist kaum möglich. Ob 160,80 oder 40m: auf der anderen Seite der Voralpen bleibt nicht mehr viel Bodenwelle übrig. Während die Stationen im flachen Mittelland auf diesen Bändern Lokal-QSO abwickeln und einander S9+ Signale geben, geht hier nichts. Im Alpental ist die Ionosphäre mein einziger Freund.

Im VHF-Bereich sieht es etwas anders aus. Dank Diffraktion (Beugung an Bergkämmen) und Reflexion an steilen Felswänden erreichen die 2m Wellen aus dem Tal spielend das Mittelland. Je nach dortigem Standort mit erstaunlich guten Signalen. Manchmal sogar, wenn die Gegenstation nur ein Handsprechgerät benutzt. Einige Kollegen liegen jedoch im Funkschatten, sodass eine VHF-Verbindung nicht möglich ist. Da bleibt dann nur noch ein Relais. Von denen gibt es hierzulande im surplus. Auf den meisten ist aber nichts zu lauschen ausser Rauschen und ich frage mich oft, wer wohl dort den Strom zahlt. Es gibt in der Schweiz wohl mehr Relaisstationen als aktive OM.

Ein grosses Problem bei VHF-Verbindungen in den Bergen ist der Mehrwegempfang. Der sich insbesondere bei FM im Zusammenhang mit Blindenstock-Antennen manifestiert. Verzerrungen der Modulation bis zur Unverständlichkeit und manchmal eine komplette Auslöschung des Signals ist das Resultat. Kein Wunder, nehmen doch die simplen Stängel Signale aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig auf. Würde ich hier im Alpental einen Stängel anstelle der Yagi benutzen, würde ich oft nur Kauderwelsch aufnehmen können. 

Wer über Mehrwegempfang klagt, muss wissen, dass dieser Effekt in der Regel bei der Empfangsantenne entsteht und nicht beim Sender. Diese Mehrwegausbreitung über verschiedene Pfade (z.B. verschiedene Reflexionspunkte) beruht deshalb oft nicht auf Gegenseitigkeit. Da kann eine Yagi Antenne auf der Empfangsseite helfen, die das Signal bevorzugt aus einer bestimmten Richtung empfängt.

 

Mittwoch, 8. Juli 2026

Ein Signal aus dem Alpental

 


Vorbei ist die Episode der Erinnerungen und auf geht es zu neuen Gedanken. Die alten überlasse ich nun der Vergangenheit. 

Noch ist unsere Aetherwelt stabil, während die Welt immer mehr ins Chaos driftet. Auch die Sonne heizt noch regelmässig die Ionosphäre auf und beschert uns manch interessantes DX. Zwar ist auch sie in der Deszendenz und geht einem neuen Tiefpunkt entgegen. Doch die Sonne ist kein Imperium und wird nicht verschwinden um einem anderen Platz zu machen. So werden die Signale der Jammerfunker* auch im nächsten Minimum Anfang der dreissiger Jahre noch über ihr "gearbeitetes" DX fabulieren können (*FT-8 wird wegen seiner Signale spasseshalber manchmal Jammerfunk genannt)

Gut, dass wir als Funker kein Kerosin brauchen, um die Welt zu bereisen, wir benutzen dazu unsere Aetherwellen. Abgesehen davon, sollte man sowieso keine grossen Reisen mehr unternehmen, wenn man in der Mitte seiner Siebzigerjahre angelangt ist. 

Kürzlich habe ich gelesen, dass Magnetloop Antennen besonders gefährlich sein sollen. Und als Benutzer einer solchen, habe ich meine Loop daher in den entferntesten Winkel meiner Unterkunft verbannt und die Leistung aufs Minimum gedreht, um den Grenzwerten zu genügen. Es ist ja schon schlimm genug, wenn mich die Medizinmänner bei jedem Anzeichen von Unwohlsein in eine MRT Röhre stecken. 

So eine Magnetloop erzeugt ja - wie der Name schon sagt - im Nahfeld ein starkes Magnetfeld.  Dieses ist besonders heimtückisch. Denn es durchdringt unseren Körper ohne ihn aufzuheizen, wie das elektromagnetische Strahlung tut. Wir merken also erst mal nichts. Der Kopf wird nicht heiss und die Füsse bleiben kalt. Ganz im Gegensatz zu einem normalen elektromagnetischen Feld. Das heizt einem so richtig ein und damit das nicht geschieht und beim Gebrauch des Handfunkgerätes nicht die Augäpfel schmelzen, hat man den SAR-Wert geschaffen. Watt pro Kilogramm Fleisch oder so ähnlich. 

Hat man nur ein Magnetfeld wie in der Nähe der Magnetloop wird das Fleisch nicht heiss und der SAR-Wert eignet sich nicht als Grenzwert. Da müssen Tesla aushelfen. damit ist aber nicht dieses Fahrzeug gemeint, das angeblich selbst fahren soll und deshalb ausser einem Computerschirm keine Instrument, Knöpfe und Hebel benötigt. Eigentlich wäre sogar das Steuerrad nicht nötig. 

Doch wieso wird ein Grenzwert für das reine Magnetfeld vorgeschrieben, wenn dieses den menschlichen Körper nicht aufwärmt? 

Ganz einfach: In Studien hat man herausgefunden, dass wir auf  HF-Magnetfelder anders reagieren als auf elektromagnetische Felder. Abhängig von der Frequenz werden Nervenimpulse induziert. Ein Kribbeln als wäre ein Geist im Raum, ein Blitz im Gehirn, was weiss ich. Auf jeden Fall gibt es darüber jede Menge Studien. Und so haben die Wissenschafter einen Wert definiert, bei dem solche Dinge sicher nicht passieren. Auch nicht beim empfindlichsten Menschen. Die Gesetzeshüter, sorgenvoll und äussert vorsichtig, haben dann diesen Grenzwert angeschaut und gesagt. "Um ganz sicher zu sein, dividieren wir das mal durch 50. Et voilà, so entstehen Grenzwerte. 

Passt auf jeden Fall gut auf und wenn ihr so Biotech Instrumente wie Pace Maker oder Insulinpumpen rumträgt, haltet die Grenzwerte pingelig ein, die der Hersteller vorschreibt. Sie sind unter Umständen niedriger als unsere Vorschriften im Amateurfunk. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.